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Jutta Sommerbauer, „Differenzen zwischen Frauen Zur Positionsbestimmung und Kritik des postmodernen Feminismus“

Münster: Unrast-Verlag 2003

Jutta Sommerbauer hat den hohen Anspruch, den Feminismus als kritische Theorie wiederherzustellen. In den postmodernen Diskussionen sieht sie zwar ein berechtigtes Aufwerfen problematischer Elemente früherer Formen des Feminismus, aber zugleich den Verlust der Kritikfähigkeit. Ihrer Ansicht nach sollte feministische Theorie das Geschlechterverhältnis darstellen und analysieren und damit zu einer praktischen Kritik und zu einer Veränderung der patriarchalen Gesellschaft führen. Da der postmoderne Feminismus nur “mikropolitisch und kulturalistisch” orientert sei, könne er nicht dabei helfen, die gesellschaftstheoretische Positionierung feministischer Wissenschaft weiterzuentwickeln (S. 15). Die Postmoderne und auch der postmoderne Feminismus wolle hierarchische, binäre Oppositionen dekonstruieren. Es wird bezweifelt, daß Geschlecht eine “relevante Strukturkategorie in der Aufdeckung und Kritik von Herrschaftszusammenhängen” ist, was sich besonders an den Institutionalisierungsprozessen wie Gleichstellungspolitik, Gender Mainstreaming, Frauenbeauftragten zeige (S. 37). Es werden Unterschiede zwischen Frauen positiviert, während soziale Institutionen, gesellschaftliche Strukturen und ökonomische Bedingungen durch die postmoderne Theorie vernachlässigt werden.

Die feministischen Diskussion liefen unterschiedlich im angloamerikanischen und im deutschsprachigem Raum. Während in den USA die postmoderne Debatte auch durch die Kritik der Women of Colour am weißen (Mittelschicht)-Feminismus angestoßen wurde, wurde die deutschsprachige Rezeption von der Diskussion um Judith Butlers Gender Trouble dominiert. Dabei wird die Frau als Subjekt in Frage gestellt, die gemeinsame Identität, das Wir-Gefühl der Frauen erschüttert. In einem Einschub behandelt Sommerbauer die “Szenen von Theorie-Ehen”, wobei sie zeigt, daß diese “Ehen” immer einseitig waren. Marxismus und Feminismus wurden als eins betrachtet, es ist aber zu keiner Verschmelzung gekommen, sondern der Feminismus wurde nur als eine Theorie mit partikularem Teilanspruch gesehen, ums Ganze ging (und geht) es dem Marxismus. Dasselbe Verhältnis besteht zwischen feministischer und postmoderner Theorie, auch dort wird nur die “untergeordnete Integration der feministischen Theorie in ein männlich dominiertes Theoriegebäude”[i] vollzogen (S. 55).

Die Postmoderne mit ihrer Propagierung der vielfältigen Möglichkeiten des Lebens taucht genau zu dem Zeitpunkt auf, als sich die Lebensverhältnisse im Kapitalismus zu verändern begonnen haben. Die Individualisierung, Multikulturalisierung und Pluralisierung der Lebensstile liegt weniger in einem selbstbestimmten Wertewandel, sondern in der Dynamik des globalen Akkumulationsprozesses und den damit verbundenen Umstrukturierungen (S. 68ff, Sommerbauer bezieht sich dabei auf Hirsch: Der nationale Wettbewerbsstaat. Berlin 1998). Die Postmoderne korreliert somit mit der neoliberalen Theorie und Praxis. Der Feminismus betreibt dabei noch eine weitere Verengung, indem er sich auf die Vervielfältigungen der (weiblichen) Identitäten bezieht. Die Kritik der Kategorien wird nur als innerfeministische Auseinandersetzung betrachtet und bezieht sich nicht auf die Neuordnung kapitalistischer und geschlechtlicher Herrschaftsverhältnise, mit der das intellektuelle und gesellschaftliche Klima der Postmoderne verbunden ist (S. 75).

 Weiter wird kein Ausweg aus der Gleichheits-Differenz-Debatte gezeigt, im Gegenteil, die Differenzen, die sich zuerst auf das gemeinsame “Wir” Frau bezogen haben, werden jetzt vervielfältigt. So geht die Kritik am androzentrischen Universalimus in einen haltlosen Partikularismus über. In der Diskussion in den USA wird das im Zusammenhang mit der dortigen gesellschaftlichen Situation gesehen, weil die Anerkennung als identitäre soziale oder gesellschaftliche Gruppe an das dortige System des Wohlfahrtsstaates angepasst ist, an den Bezug von Unterstützung und soziale Umverteilung. Der dekonstruktivistische Ansatz (u.a. von Judith Butler) hat zwar den Anspruch, Identitäten und Differenzen aufzulösen, tatsächlich werden aber die Differenzen, die Brüche zwischen Frauen nur verstärkt. Die Vervielfältigung der Identitäten ist angepasst an die geforderte Flexibilität in Arbeit und Leben im Postfordismus. Der Schwerpunkt, der in der Kritik der eigenen Identität liegt, erlaubt nur einen “Seiltanz” zwischen dem Anprangern der sozialen Verhältnisse und der Kritik der Identität, mit der diese Strukturen verbunden sind.

Die Perspektive sieht Sommerbauer darin, die Unterschiede zwischen Frauen wahrzunehmen, die von postmodernen Feministinnen aufgeworfenen Fragen zu beachten, aber in einen gesellschaftskritischen Kontext zu setzen. In den praktischen Aktivitäten soll trotzdem an einem gemeinsamen Konzept (“Frauen”) angesetzt werden. Dabei soll das “Wir” nicht am “Wesen” der Frau ansetzen, sondern an der gemeinsamen gesellschaftlichen Situation der Diskriminierung (S. 122, Sommerbauer bezieht sich auf Nagl-Docekal: Feministische Philosophie. Frankfurt 2000).

Eine Schwäche postmoderner feministischer Theorien ist tatsächlich, daß das Geschlechterverhältnis nicht in Bezug zur herrschenden kapitalistischen Ordnung gestellt wird. Insofern ist dieses Buch eine wichtige Anregung, daß auch in der Theorieproduktion von Frauen über den feministischen Tellerrand hinausgeschaut wird. Umgekehrt sollte sich auch die “männliche” Theorie mit dem Zusammenhang von Geschlechterordnung und Kapitalismus beschäftigen, damit wir über die Kapitalismus-Bindestrich-Patriarchat-Analysen hinauskommen. Konkrete Anhaltspunkte dazu werden auch in Sommerbauers Buch nicht geliefert, was der Autorin jedoch nicht vorzuwerfen ist.

Robert Foltin


[i] Wobei das insbesonders für die Theorie Judith Butlers nicht gilt, im Zusammenhang mit Queer Theorie wird gerade sie geschlechterübergreifend rezipiert.

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ISSN 1814-3164 
Key title: Grundrisse (Wien, Online)

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